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  • Sunita Asnani

#2 Mehrdeutigkeit erkennen und nutzen

Aktualisiert: Mai 30


In diesem Beitrag geht es um ein erstes Beispiel, wie und warum art-based Facilitation eingesetzt werden kann.


A für Ambiguity


Spätestens seit der Corona Pandemie hören wir es von überall her: Wir leben in einer VUCA Welt. V für volatility (Unbeständigkeit), U für uncertainty (Unsicherheit), C für complexity (Komplexität) und A für ambiguity - Mehrdeutigkeit.


Wenn wir mit Mehrdeutigkeit nicht umgehen können, laufen wir in Gefahr, uns in fixe Vorstellungen zu verfahren oder vor Unsicherheit zu erstarren. Als Kunstschaffende mit Migrationshintergrund glaube ich an einen aktiven und kreativen Umgang mit Mehrdeutigkeit.

Die Mehrdeutigkeit der Dinge zu erkennen und bejahen, statt sie als Bedrohung wahrzunehmen, wird zunehmend zu einer Grundkompetenz für die Gestaltung unseres Lebens und unserer Beziehungen.

Diese Kompetenz wird auch Aspektsehen genannt. Der Begriff stammt vom Philosophen Ludwig Wittgenstein und ich habe ihn durch die Sprachphilosoph*innen Tine Melzer und Tobias Servaas kennengelernt.


Jedes Ereignis, jedes Bild, jedes Wort, jeder Ton - alles auf dieser Welt, kann auf vielfältige Weise wahrgenommen und gedeutet werden. Ein gutes Beispiel für Aspektsehen bietet das Bild “Plaatsbepaling” (1994) von Frans Oosterhof mit den sechs verschiedenen Überschriften. Du kannst dich selbst dabei beobachten, wie du von einer Interpretation zur nächsten wandelst, dasselbe Bild sechsmal unterschiedlich deutest.

Quellehttps://www.metropolism.com/en/features/33931_shifting_images_in_conversation_with_tine_melzer 

Den Umgang mit der Mehrdeutigkeit zu trainieren bedeutet, verschiedene Sichtweisen und Deutungsmöglichkeiten anzunehmen, die eigenen Interpretationen aktiv zu gestalten. Sich mit den Sinnen und dem Herz für die vielfältigen Aspekte der eigenen Welt und die der Mitmenschen zu öffnen.

Aspektsehen heisst, unter die Oberfläche zu schauen, um verschiedene Aspekte und Bedeutungen zu entdecken.

Zeitgenössische Kunstschaffende arbeiten bewusst mit diesem Spiel. Künstlerische Praxis stellt einem oft das Erleben der eigenen Wirklichkeitskonstruktion vor Augen. Kunst-basierte Methoden und Aktivitäten helfen, die Kompetenz des Aspektsehens zu trainieren. Ein einfaches Mittel, Aspektsehen zu erfahren, sind Übungen mit Bildern und Worten.



Anwendung von Aspektsehen: Ein Fallbeispiel


Kontext

Bei diesem Fall ging es um einen Kunden von unseren Kollegen bei SIGA (Swiss Institute for Global Affairs). Der Kunde ist eines der größten Organisationen in der Schweiz. Der Kader (49 Männer und 1 Frau) sollte sich während einer zweitägigen Veranstaltung in Kleingruppen mit Themen wie Digitalisierung, Selbstorganisation, Agilität, Diversität sowie der Zukunftsvision für ihre Organisation auseinandersetzen. Im Grunde ging es um eine Reflektion der eigenen Unternehmenskultur sowie Impulse für einen Kulturwandel. Für den hier beschriebenen Workshop verwendeten wir die Methoden Aspektsehen und laterales Denken (letzteres wird Thema in einem der nächsten Beiträge sein).


Workshop: Newspaper - Mapping

Die Teilnehmenden wählten zufällig Bilder aus Zeitungen aus und setzten sie zusammen mit neuen Überschriften. Durch diese zum Teil verblüffenden oder auch radikalen Zusammenstellungen kamen neue Bedeutungen in den Bildern und Überschriften zum Vorschein. Im nächsten Schritt ging es darum, Querverbindungen zur Zukunftsvision zu schaffen. Durch dieses Vorgehen erlaubten wir ein Auffächern der Mehrdeutigkeit sowie einen Raum für non-lineare Gedankengänge, um versteckte oder nicht offensichtliche Aspekte der Zukunftsvision zum Vorschein zu bringen.

Die zufälligen Zusammensetzungen erschufen eine Mehrdeutigkeit, die es den Teilnehmenden ermöglichte, neue relevante Aspekte und Zusammenhänge für die Zukunftsvision zu erkennen.

Die gemeinsam erarbeiteten Zusammenhänge anhand der Bilder und Überschriften gab ihnen eine schlagkräftige Sprache, mit der sie miteinander und konstruktiv über eine unberechenbare Zukunft sprechen konnten.


Wirkung

Das Spiel des Aspektsehens, war für alle gleichermassen zugänglich und Fehler machen war unmöglich. Mit Logik konnte die Aufgabe nicht gelöst werden, stattdessen wurde assoziativ, intuitiv und gefühlsmäßig gehandelt. Es entstand in allen Gruppen ein kreativer Flow und eine Zusammenarbeit auf gleicher Augenhöhe - was für diese Organisation nicht gerade alltäglich war. Dies war die optimale Basis, um in den weiteren, mehr rational angelegten Arbeitsschritten über Strategien und Etappen der Zukunftsvision zu diskutieren.


Das Newspaper - Mapping wurde zu einem der besten Resultate dieser zweitägigen Veranstaltung gekürt.



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