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  • Sunita Asnani

#5 Tuning: Wie sehen wir die Welt?

Tuning ist einer der wichtigsten Ansätze, den mein Partner Chris und ich für art-based Facilitation einsetzen. Über Tuning zu schreiben, ist jedoch eine grosse Herausforderung für mich. Etwas in Worte zu fassen, was sich eigentlich nicht in Worte fassen lässt:-). Here we go.


Tuning besteht aus einfachen, greifbaren Anleitungen und Fragestellungen zu Wahrnehmung und Bewegung. Tuning eignet sich für “everybody” - jeden Körper, jede Person. Es werden keinerlei Bewegungserfahrung vorausgesetzt. Gleichzeitig hat Tuning eine sehr tiefe Wirkung auf die eigene Erfahrungswelt, auf einer persönlichen Ebene, aber auch im Zusammensein mit anderen.

Denn Tuning beleuchtet, wie unsere Handlungen untrennbar damit verbunden sind, wie wir unsere Umgebung sehen, hören, tasten, riechen, schmecken, fühlen, erahnen, deuten.

Tuning ist wichtiger Bestandteil der sogenannten Tuning Scores. Diese sind Improvisations- und Kompositionspraktiken aus der zeitgenössischen Tanz- und Bewegungsforschung, initiiert von Lisa Nelson.


Die Sinne als physische Basis von Imagination


Unser Handeln orientiert sich nicht daran, wie die Welt ist, sondern wie wir sie wahrnehmen. Die Qualität unserer Wahrnehmung hat also entscheidenden Einfluss auf die Qualität unseres Verhaltens und Handelns.


Die “objektive” Wirklichkeit gibt es nicht - sie entsteht im Auge des Betrachters. Unsere Wahrnehmung bildet “die Realität” nicht passiv ab wie eine Kamera, sondern bildet aus der vorhandenen Datenflut ein Exzerpt. Dieses Filtern und Zusammenstellen basiert auf erlernten Mustern, Konditionen, Erwartungen, Vorlieben und Interessen.

Unsere Wahrnehmung erzeugt aus dem Rohmaterial, das die Realität uns zur Verfügung stellt, aktiv unsere eigene Welt.

Was passiert, wenn diese Gestaltung der eigenen Welt zu einem kreativen Akt wird, statt einem mehrheitlich automatisch gesteuerten Prozess?

Genau hier setzt Tuning an.


Durch Tuning wird das Spiel von Wahrnehmung, Imagination und Begreifen als körperliches Phänomen erfahrbar.

Mit Imagination meine ich nicht Einbildungskraft, sondern


die Fähigkeit, das Mannigfaltige, die Mehrdeutigkeit der Erfahrungswelt herzustellen oder vielleicht besser - zuzulassen.

Den eigenen Blick öffnen

Um sich der eigenen Wahrnehmung und Wirklichkeitskonstruktion bewusst zu werden, laden wir zu folgendem ein:


1. Wir “tunen” (stimmen) unsere Sinne für die Wahrnehmung.

Ähnlich, wie man ein musikalisches Instrument stimmt, bevor man darauf musiziert. Wir lenken durch einfache Anleitungen unsere Aufmerksamkeit darauf, was uns normalerweise verborgen bleibt, weil es unter dem Radar abläuft: Wie wir unsere Umgebung von Moment zu Moment sehen und hören, aber eben auch tasten, schmecken, fühlen, erahnen, begreifen.


2. Wir verändern, wie wir unsere Sinnesorgane einsetzen.

Wir beginnen mit ganz einfachen Veränderungen eines Sinnesorgans. Beispielsweise schließen wir die Augen während wir uns weiter bewegen, und öffnen sie jedes mal, wenn wir still sind. Wir verlängern die Zeiten, in denen wir die Augen nicht mehr öffnen. Dadurch werden andere Sinnesempfindungen, etwas über das Gehör, den Geruch, die Haut, die Zunge, oder die Bewegung - erst richtig wahrgenommen. Unsere gesamte Erfahrungswelt füllt sich mit Empfindungen aller Arten. Allmählich kommt es zu einem spielerischen Auffächern von Möglichkeiten, wie wir unsere Sinne einsetzen.

Die Art und Weise, wie wir üblicherweise uns selbst und unsere Umgebung sehen, einordnen und gewichten, verändert und erweitert sich. Und das ganz ohne Drogen!

Die konditionierten und automatischen Sichtweisen unserer Augen zu verändern, lohnt sich ganz besonders. Weil wir uns auf das visuelle Erfassen der Welt spezialisiert haben, orientieren wir uns fast nur noch über die Augen. Dies bedeutet nebst dem Gewinn auch eine Verzerrung unserer Wahrnehmung der Welt.


Indem wir die Art und Weise verändern, wie wir unsere Sinne einsetzen, weichen wir unsere üblichen Mechanismen von Wirklichkeitskonstruktion auf. Dadurch entsteht allmählich ein sanftes Chaos.

Das Bewusstsein beginnt, in jedem Augenblick die Möglichkeit und Freiheit für unterschiedliche Anschauungsweisen und Erfahrungswelten anzubieten.

Tuning Scores: den Moment gemeinsam komponieren

Spannend wird es, wenn wir nun beginnen, miteinander zu interagieren. Wenn wir unserem Wunsch nachgehen, unsere Perspektiven, unserer Vorlieben miteinander zu teilen und uns der sozialen Komplexität der Welt aussetzen. Die Tuning Scores bieten dafür den richtigen Rahmen, einen labor-artigen, sicheren Raum, in dem wir ausprobieren, spielen, testen und scheitern können.


In diesem Raum gibt es mehrere Elemente: Spieler*innen, Spielfeld, Betrachter*innen, Regisseur*innen und sehr einfache Regeln und Aufgaben, die das Spiel organisieren und einschränken. Die Spielregeln provozieren spontane Kompositionen, die deutlich machen wie wir Bewegung wahrnehmen und ihr einen Sinn geben. Wir decken gemeinsam unsere Ansichten über Raum, Zeit, Aktion, Imagination und Verlangen auf. Wir entdecken Poesie, Humor und Sinn für das Absurde. Und wir experimentieren mit demokratischen und selbstorganisierten Entscheidungsfindungen.

Sich in den Tuning Scores zurechtzufinden bedeutet, sich in einer gemeinsamen, komplexen Welt mit anderen zurechtzufinden, mit ihnen, dank ihnen und trotz ihnen.

Dies wird konkret und greifbar bei der Anwendung von Tuning.


Einsatz von Tuning. Ein Fallbeispiel.

Unser Kollege Andi Otto, ein super spannender Musiker und Medienwissenschaftler aus Hamburg und Dozent am Y-Institut der Hochschule für Künste in Bern, lud uns vor einigen Jahren als Gastdozenten in seiner Y-Tool-Box ein. Die Y-Tool-Boxes sind interdisziplinäre Wochen, in denen sich Studierende aus allen Richtungen mit einem übergeordneten Thema auseinandersetzen.


Die Y-Tool-Boxes von Andi sind bekannt und beliebt - und trotzdem berichtete er uns von seinem Wunsch, dass die Studierenden sich aktiver beteiligen und einbringen würden im Unterricht. Sein Ziel war, dass diese selbstmotiviert ein künstlerisches Mini-Projekt entwickelten als Abschluss der Woche. Nachdem wir zweimal als Gastdozenten erfolgreich die gesamte Gruppendynamik zum Besseren gekippt hatten, konzipierten wir beim dritten Mal den gesamten Kurs gemeinsam mit Andi.


Das übergeordnete Thema war “Mimikry, Mimesis und Camouflage”. Täglich beleuchtete Andi in kurzen theoretischen Inputs, wie sich diese tierischen Überlebensstrategien auf andere Bereiche wie z.B. auf auf Musik, Mode, Architektur oder bildende Künste übertragen lassen. Im praktischen Teil des Workshops übersetzten Chris und ich diese Ideen in die Tuning Praxis. In einem dritten Teil erhielten die Studierenden Aufgabenstellungen für eigene Recherchen und Experimente.


Die Teilnehmenden kamen aus sehr unterschiedlichen Studienrichtungen, hatten unterschiedliche Nationalitäten und waren auch sprachlich unterschiedlich unterwegs (Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch). Die meisten hatten wenig bis keine Berührungspunkte gehabt mit Arbeit im Körper oder zeitgenössischer Kunst. Viele hatten nicht sonderlich Lust auf Bewegung.

Es gab ein paar Student*innen, die sich offensichtlich nicht ganz wohl in ihrer Haut, in ihren Körpern fühlten und ganz sanft herangeführt werden mussten. Doch das änderte sich komplett im Verlaufe der Woche.


Als wir am letzten Tag die körperlichen Warm Up Übungen auslassen wollten, wehrten sich die ganze Gruppe dagegen - und am lautesten jene, denen es anfangs peinlich gewesen war, sich vor der Gruppe zu bewegen.


Wirkung von Tuning

Die Gruppe wurde von Tag zu Tag wacher und lebendiger. Das Tuning brachte die ganze Gruppen zusammen. Das Vertrauen untereinander, der Grad an Beteiligung, die Kreativität, der Selbstbestimmtheit der Studierenden - alles wuchs. Von der Gruppendynamik bis hin zu den Abschlussarbeiten: Es war ein Highlight für alle Beteiligten. Nach den Präsentationen der Projekte feierten wir den Abschluss mit einem Apéro. Es war, als hätten wir eine Auslandsreise miteinander verbracht.

Viele empfanden die Arbeit mit den Tuning Scores wie ein Labor für das echte Leben. Eine Metapher dafür, wie das Leben funktioniert.

Die Student*innen hatten sich in der Woche dermaßen daran gewöhnt, mit dem Körper und den Sinnen zu arbeiten, dass sie es im Hinblick auf ihren normalen Studium Alltag als äußerst armselig empfanden, wie wenig Raum das körperliche Lernen hat.


Unser Körper, die Sinne, sind das physische Fundament unserer Kreativität.

Wie seltsam, dass wir die meiste Zeit unseres Lebens so tun, als ob nicht alles auf unserer Wahrnehmung baut!


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